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1600 METER ZUR INJEKTIONSNADEL

1600 METER ZUR INJEKTIONSNADEL

von Hansi Mikl

Tour durch die Südwand des Dobratsch

Die Zeit der T-Shirts ist endgültig vorbei, Südkärnten hüllt sich ein letztes Mal in den strahlenden Sonnenmantel der scheidenden Herbstkollektion. Man spürt den kühlen Hauch des nahenden Winters, die Berge hat der Frost bereits erobert, - 10 Grad auf 2000 Meter versprechen die Meteorologen.

Der Herbst war ziemlich anstrengend. Vielleicht bin ich zu ausgebrannt, zu wenig bissig, möglicherweise eine Spur zu gut situiert und wahrscheinlich zu abgeklärt, um mir zusätzlich die Mühe zu machen, für ein paar anstrengende Stunden aus meinen dichten Lebensentwürfen, Zielsetzungen und Arbeitsprogrammen auszubrechen. Man wird älter und wenn ich jetzt nicht höllisch aufpasse, lande ich irgendwann, irgendwie, irgendwo im bürgerlichen Establishment eines Lebens mit Terminkalender.

Nicht, dass meine Spontanität mit mir gealtert wäre – aber was ist aus den geplanten nichtkommerziellen Bergtouren der vergangenen Wochen geworden ? Nichts. Denn sie fanden nicht statt. Schlechtwetter, verletzungsbedingte Absagen, Zeitmangel.

Spät im November ist es fast zu spät geworden. Samstagabend, 5vor12 sozusagen, ruft Günter Decleva an. Eine Tour auf den Dobratsch, aber nicht komfortabel im Auto über die Alpenstraße bis auf 1700 Meter und bequem die restlichen 400 Höhenmeter bis zum Gipfel. Nein. Von der Schütt aus selektive, schweißtreibende 1600 Höhenmeter direkt durch die Südwand.

Sonntag, 20. November. Humane Startzeit. Gegen 10:30 klettern wir bei der Südrast aus dem Zubringer-PKW von Günters Frau. Durch einen Insider-Ausgang verlassen wir das Areal des Rastplatzes und den Lärm der Autobahn und verschwinden unbemerkt im eigentümlichen Reiz der Schütt. Eine Landschaft, die sich kaum in einigen wenigen Sätzen beschreiben lässt. Eine Landschaft, die in dieser Form am 25. Januar des Jahres 1348 entstand. Während eines heftigen Erdbebens zerbarst die Südwand des Dobratsch mit einem gewaltigen Bergsturz. Die zeitgenössischen kirchlichen Quellen übertrieben aus „versicherungstechnischen" Gründen und noch lange hielten sich in den Geschichtsbüchern die sagenhaften Übertreibungen von 17 Dörfern, 3 Schlössern und 9 Kirchen unter den Trümmern des Berges. Die moderne Wissenschaft hat die Mythen längst widerlegt, denn tatsächlich ging der Bergsturz in unbewohntem Gebiet nieder und schuf so die Schütt mit ihrem Steinernen Meer. Die Schütt stellt mit 24 km² das größte Bergsturzgebiet der Ostalpen dar, in diesem besonderen Naturpark landschaftlicher Schönheit und ästhetischer Vielfalt (bereits 1942 unter Naturschutz gestellt) finden sich fast 700 Gefäßpflanzen, über 900 Schmetterlings- und 58 Vogelarten, nebenbei fast mediterrane Bewohner wie Skorpione, Smaragdeidechsen oder Sandvipern. Spektakulär wirken die oft bizarren, riesigen, teilweise bewachsenen Felsblöcke in den kargen Wäldern. Details bekomme ich nur am Rande mit, denn Günter schlägt ein im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubendes Tempo an. Kleine Männerseilschaften sind erfahrungsgemäß eine heikle Angelegenheit, denn oft gehen Reisegeschwindigkeit und Zielvorgaben in völlig auseinandergesetzte Richtungen und was auf der beruflichen Schiene sicher rollt, kann privat in steilem Gelände böse entgleisen, weil sich persönliche Eitelkeiten gekränkt fühlen und es schwer ist, über den eigenen Schatten zu springen. Wir werden sehen, diese Wand könnte einige verborgene Eigenschaften zu Tage fördern. Leicht illegal überqueren wir die Gail über eine Eisenbahnbrücke, benützen kurz den Karnischen Radwanderweg und gewinnen schließlich auf einem steinigen Güterweg rasch an Höhe. Nach einigen Serpentinen wechseln wir über einen schmalen Steig in die totale Unberührtheit eines zauberhaften Buchenwaldes. Das Gelände wird zusehends steiler und unsere Lungenkapazität reagiert auf das anspruchsvolle Terrain. Die wilde Unwegsamkeit empfindet man jedoch keineswegs als unangenehm, denn die Vegetation entschädigt auf Schritt und Tritt für den strapaziösen Aufstieg. Fast andächtig genießt man die Stille eines kathedralenartigen Föhrenhochwalds, der wohl noch nie eine Motorsäge zu Gesicht bekommen hat. Auf steilen Geröllhalden kämpfen knorrige Hopfenbuchen gegen die Kräfte der Erosion, Krüppelkiefern klammern sich verzweifelt an die brüchigen Felswände und wir gönnen uns beim erstbesten lohnenden Aussichtspunkt eine kurze Pause. Die anfänglichen Fleecejacken sind längst wieder im Rucksack verschwunden, die Kombination aus Wolkenlosigkeit und beinahe völliger Windstille erlaubt ein langärmliges T-Shirt. Kräutertee mit Kräuterlikör in einem ausgewogenen Mischungsverhältnis, unter uns das untere Gailtal.

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Die Dobratsch-Südwand überrascht auf dem weiteren Weg nach oben mit malerischen Schluchten, Säulen und Türmen, vergessenen kleinen Märchenwäldern in vom Tal aus praktisch unsichtbaren Geländenischen, und trotz des prächtigen Wetters mit wohltuend wenig Publikum. Zweimal werden wir von spärlich bekleideten Ausdauersportlern fast mühelos überholt. Zugegeben- es verursacht einen kurzen Schmerz, aber in meinem Alter erholt sich die „persönliche männliche Eitelkeit" erstaunlich schnell von solchen Tiefschlägen. Wir marschieren rechts an den Bösen Gräben vorbei, darüber baut sich die letzte hohe Felswand auf und dahinter thront etwas unwirklich der futuristisch anmutende Sendeturm des österreichischen Rundfunks. Die 165 Meter hohe Injektionsnadel ist längst zum markanten Wahrzeichen des Berges geworden und ermöglicht eine Identifizierung aus allen Himmelsrichtungen und Blickwinkeln. Der kuriose Anblick begleitet uns bis zur Abbruchkante. Von dort aus sind es nur mehr vielleicht 150 Höhenmeter bis zum Gipfelbereich und die harmlose Steigung wirkt sich belebend auf unsere Konversation aus.

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Gipfel von Bergen machen mich neuerdings nachdenklich und diese tiefe Nachdenklichkeit empfinde ich fast als Luxus. Man wird eben älter. Für die große Euphorie bleibt wenig Platz. Dabei hat der Gipfel des Dobratsch einiges zu bieten. Schon allein architektonisch, denn neben dem bereits angesprochenen Sendemast sorgen zwei alte Kirchen für einen kärntentypischen Kontrast zum rotweißlackierten Symbol des Fortschritts. Auf 2166 Metern stehen eine deutsche und etwas westlich davon eine slowenische Kirche in ausgesetzter Selbstverständlichkeit direkt an der Abbruchkante. Dazwischen das Ludwig-Walter-Haus und wahllos verteilt sonderbare meteorologische Messinstrumente. Mehr muss man über Kärnten nicht wissen, es finden sich das Land und sein Lebensgefühl vereint in baulichen Metaphern auf dem Gipfel des Dobratsch.

Und wie immer ist es die grandiose Landschaft, die tröstet. Ringsum hat sich ein gewaltiges Heer an Bergen versammelt. Im Süden die Karawanken mit ihrem pyramidenförmigen Anführer, dem Mittagskogel. In der Fortsetzung davon die Karnischen Alpen. Zentral dahinter die schroffen Gipfel der Julischen Alpen mit dem fotogenen Mangart. Im Norden ganze Hundertschaften der Hohen Tauern und Nockberge. Unten im Osten die Seen und Flüsse. Unter dem Schatten des Nordhangs liegt Bad Bleiberg in scheinbarer Dämmerung. Auf dem Dreiländereck schießen die Schneekanonen erste weiße Streifen in die herbstlichen Farben.

Es herrscht völlige Windstille, wir lehnen lange in Gesprächen an der Kirchenwand, genießen das Panorama, dezimieren den Proviant und planen grundsätzlich lose zukünftige Touren. Bald wird es Zeit zum Aufbruch, wir sind mit Ines und Mariano am Parkplatz an der Rosstratte verabredet, die späte Novembersonne ist schon tief im Westen und der Winter steht vor der Tür.

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