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PFERDESTÄRKEN

PFERDESTÄRKEN

SELBSTERLEBTES MIT VIERHUFERN

von Hansi Mikl

Was fasziniert mich an Pferden ?

Eine Frage, die ich unmöglich in einigen wenigen Sätzen beantworten kann. Ich könnte es mir leicht machen und behaupten, es sei das einzigartige Naturerlebnis im Computerzeitalter, das Spazierengehen aus ungewohnter Perspektive ohne dabei die eigenen Beine zu bewegen. Es seien erfrischend unmittelbar erlebte Werte wie Freiheit oder Lebensbejahung. Das Schweben, Sausen und Fliegen im vollen Galopp. Ja, schon. Aber nicht nur.

Wir hatten immer Pferde. Wenn ich von diesen Pferden erzähle, gibt es sehr viel zu erzählen und ich sollte ganz am Anfang beginnen.

Ohne aufwendige Recherchen und ohne großen Aufwand kann ich an dunkelgrauen Tagen in eine völlig andere Welt abtauchen. Hinab in mein ganz persönliches Früher, in die Zeit meiner Kindheit und Jugend. Interessanterweise werden die Erinnerungen daran immer stärker und klarer, je mehr Jahre seither vergangen sind. Dabei sind es keineswegs verklärte, abgemilderte Bilder mit dickem Goldrand. Damals war es Alltag und ich war mir dieser Einzigartigkeit nie wirklich bewusst, aber heute weiß ich, das ich die letzten Tage einer untergehenden Epoche hautnah miterleben durfte.

Bis ins Jahr 1982 hinein bewirtschaftete mein Vater den Hof ausschließlich mit Arbeitspferden. So wie man es in dieser Gegend jahrhundertelang durch viele Generationen getan hatte – mit Kaltblütern einer uralten Rasse, den Norikern. Unermüdliche Kraftmaschinen, benannt nach der ehemaligen römischen Provinz Noricum, welche in etwa das heutige Staatsgebiet Österreichs umfasste. Keltische Krieger auf solchen Pferden müssen die römischen Legionäre in Angst und Schrecken versetzt haben und noch bis ins Mittelalter hinein fand der Noriker als Kampfross Verwendung.

Die Noriker werden noch heute in mehreren lokalen Schlägen von leicht unterschiedlichem Aussehen gezüchtet und erleben eine unverhoffte Renaissance als Freizeitpferd und Brauchtumsbestandteil (beispielweise beim traditionellen Kufenstechen im Gailtal). Die Merkmale dieses Pferdes sind ein großer, nicht gerade edler und meist sturer Kopf, welcher von einem kurzen und kräftigen Hals getragen wird. Die Schulter steil und ebenfalls kräftig, das Mittelstück ist lang und weich bei guter Tiefe, die Hinterhand stark und gut bemuskelt. Das Fundament der Noriker zeichnet sich durch Stärke und Trockenheit aus, ihre Bewegungen sind frei, raumgreifend und überaus kraftvoll bei hoher Trittsicherheit. Wesen und Konstitution würde ich als extrem robust und rustikal beschreiben.

Die Noriker meines Vaters waren durchwegs Braune, hießen immer „Brauner" und hatten allesamt schwarze Mähnen und schwarze Schweife. Ihre Größe lag bei vielleicht 155 cm Stockmaß. Damit waren es noch relativ handliche Vertreter, heute werden sie (wie leider jede Rasse) in immer schwindelndere Höhen gezüchtet. Sie waren unsensibel, respekteinflößend und manchmal sogar ziemlich temperamentvoll. Meinen Vater bewunderte ich je nach Begebenheit ein wenig bis maßlos, denn er schien der einzige Mensch zu sein, den sie wirklich akzeptierten. Zur allmorgendlichen und allabendlichen Tränke führte er sie mühelos an einem Ohr zum Brunnen und sie folgten ihm bereitwillig wie dressierte Hunde. Die Arbeit mit ihnen war kraftraubend und alles andere als ungefährlich und ich verstand nie so ganz, woher sie und mein Vater diese Energie nahmen.

Mit Abenteuern ist es oft so eine Sache. Rückblickend sind sie meist toll und aufregend, vor allem für den, der sie nicht bestehen musste. Mittendrin blieb mir häufig das Herz stehen und mein Blut gefror in den Adern. Es gibt viele Geschichten und Erlebnisse aus diesen Tagen, die einigermaßen detailgetreu geschildert ein Buch füllen würden.

Notgedrungen, weil zeit- und platzsparend wird es in diesem Beitrag bei kurzen Streifzügen bleiben.

Ein spezielles Kapitel war die Heuarbeit. Erinnerungen an heiße, sonnenüberflutete Sommertage, an den würzigen Geruch des trocknenden Heus, an den schweißglänzenden Pferdekörper, gnadenlos und penetrant umkreist und attackiert von zahllosen Pferdebremsen. Häufig mischten sich unter die normalwüchsigen Quälgeister überdimensionale Artgenossen. Schon deren Fluggeräusche unterschieden sie hörbar von anderen Plageinsekten und machten den Braunen unruhig. Eine Landung mit anschließender Blutabnahme konnte das Pferd derart in Panik versetzen, dass solchen Angriffen oft eine sofortige unerlaubte Flucht folgte. Inklusive Heuwagen natürlich und mit dem hilflosen Passagier, der oben das Heu entgegennahm und verteilte. Meist hatte mein Vater die Situation rasch unter Kontrolle. Es konnte aber auch vorkommen, dass bei solcher Gelegenheit der Heuwagen umkippte oder zumindest der überraschte Kapitän in hohem Bogen oder mit einem Salto von Bord ging. Die Bruchlandungen verliefen durchwegs glimpflich.

Am Ende rollte die volle Fuhre heimwärts, der letzte Schlussanstieg hinauf zur Scheune war für Mensch und Tier eine besondere Kraftanstrengung. Auf der Tenne wurde der Wagen entladen, das Wenden des Fuhrwerks mit dem Braunen erforderte Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Einmal scheute der Noriker bei einem solchen Manöver und donnerte mit meinem Vater und klarerweise mit dem Heuwagen durch eine Heuluke in die darunterliegende Etage. Meine Mutter wird heute noch bleich, wenn sie davon erzählt, aber wie durch ein Wunder blieben alle Beteiligten weitgehend unverletzt, sogar das Gerät überstand den Aufprall unbeschadet.

Eine der Wiesen konnte nur über eine kurze, aber sehr steile Abfahrt erreicht werden. Auf diesem Terrain stellten die Pferde ihre enorme Kraft, ihre Balance und vor allem ihre Trittsicherheit unter Beweis. Aus sicherer Entfernung beobachtete ich betend den Start, schloss dann schnell die Augen und als ich sie wieder öffnete, hatten mein Vater, der Braune und der Wagen tatsächlich den Talboden erreicht. Dort sammelte sich das Heu der umliegenden Hänge und wurde einigermaßen bequem verladen. Unglücklicherweise konnte diese Wiese nur über eine weitere, ebenso steile, aber noch längere Abfahrt wieder verlassen werden. Diesmal allerdings mit vollbeladenem Anhänger. Fragen Sie mich bitte nicht, ich habe nie ganz begriffen, wie es funktionieren konnte. Aber es funktionierte, ich sprach auf dem Heimweg wenigstens drei weitere Vaterunser und lernte so ganz nebenbei, dass mit Mut und Einsatz hoffnungslose Wege nicht nur gesucht und gefunden, sondern sogar befahren werden können. Trotzdem habe ich dieses Problem einer gefahrloseren Lösung zugeführt und die Wiese mit ihren Abfahrten kurzerhand eingezäunt. Heute dient sie unseren Pferden als Weide, jetzt galoppieren Santo, Lenzo und Kollegen die steilen Hänge hinunter und begeistern die Beobachter dieses Schauspiels.

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Mein Vater und der Braune bei der Maisernte (September 1985)

Der Herbst und der Winter brachten viel Arbeit im Wald – daran wird sich wohl nie etwas ändern – und die Holzbringung mit Norikern war fraglos eine ökologisch enorm sinnvolle Variante, wenn man es schaffte, dabei nicht auf der Unfallambulanz zu landen. Auf Ausgleichssport konnte man getrost verzichten, die Kondition stellte sich als logisches Nebenprodukt völlig von selbst ein, von der Arenalinüberproduktion ganz abgesehen. In unzugänglichen Gebieten wurden die Stämme auf alten Hohlwegen (von der Charakteristik einer letztklassigen Bobbahn nicht unähnlich) hinunter ins Dorf gezogen. Eine mühsame und gefährliche Angelegenheit, denn das Holz konnte sich jederzeit an Wurzeln oder Felsen verfangen.

Der größte Teil der Waldungen konnte jedoch mit Fuhrwerken erreicht werden. Einmal im Vorfrühling fuhren wir mit dem Braunen und angehängtem Korbwagen in ein entlegenes, schwer zugängliches Waldstück, um dort Fichtenäste zu laden. Der Weg war beängstigend schmal, an manchen Stellen war die Durchfahrt eine Frage von wenigen Zentimetern, allenthalben touchierten wir mit den engstehenden Bäumen. Quer durch einen Steilhang ging es schließlich mit ordentlichem Gefälle bergab. Wir erreichten zwar unser Ziel mitten im Hang irgendwo hinterm Mond, mussten aber feststellen, das umgestürzte Bäume im unteren Bereich den Weg unpassierbar gemacht hatten. Die rettende Motorsäge wartete zu Hause sicher auf unsere Rückkehr. Der Rückzug war leider auch kein Thema, weil es viel zu steil nach oben ging und man den Anhänger an dieser Stelle unmöglich hätte wenden können. Während ich angestrengt über Lösungen nachdachte, die es gar nicht geben konnte, zog mein Vater kurzentschlossen die Bremse nach und nahm mit Pferd und Anhänger die Direttissima zwischen den Bäumen den Steilhang hinunter. Wenn Sie ernsthaft ein Geheimnis für sich behalten können, werde ich ihnen verrate, dass ich die Hosen gestrichen voll hatte und mir gänzlich die Spucke wegblieb. Der Husarenritt gelang, die Mitwirkenden überlebten, aber mein Vater hatte sich argumentativ für alle Zeiten ein Eigentor geschossen. Wann immer er mir später zu hohe Risikobereitschaft oder sträflichen Leichtsinn vorwarf – ich konnte grinsend mit dieser Anekdote kontern.

Es gab nicht nur Arbeit. Zu besonderen Anlässen wurde der Braune vor die Kutsche gespannt. Ein teilweise renoviertes Relikt aus Großvaters Fuhrpark. Damit unternahmen wir wunderbare Ausfahrten in die Dämmerung lauer Sommerabende hinein. Auf den Waldwegen schien die Zeit stillzustehen, in den Lichtungen hielt sich noch die Hitze des Tages, das knarrende Geräusch der Holzräder, der rhythmische Hufschlag des Pferdes und der warme Fahrtwind. Ich sog diese Stunden wie ein Schwamm in mich auf.

Viel später, als ich größer wurde und irgendwann groß genug war, durfte ich gelegentlich unbeaufsichtigt eine Runde drehen. Daraus wurden oft drei Runden. Zumeist mit dem Heuwagen und kreischenden Kindern. Im Sommer 1983 baten mich die Organisatoren, mit dem Braunen und einem museumsreifen Feuerwehrwagen an einer schmerzhaft alpenländischen Brauchtumsveranstaltung am See teilzunehmen. Wir rollten geduldig zwischen Blasmusikkapellen und Eunuchenchören vielbestaunt und zu oft fotografiert durchs Programm, feierten mit (der Braune soff sogar zwei oder drei große Bierkrüge leer) und lieferten den antiken Löschwagen leicht verspätet bei einsetzender Dunkelheit ab. Für den Rest des Heimwegs nahm ich unsere alte Kutsche. Bei etwas zu voller Fahrt löste sich überraschend das linke Hinterrad und wir landeten polternd im angrenzenden Straßengraben. In der mondlosen Nacht erschien eine Reparatur unrealistisch. Ohne vernünftige Alternative spannte ich den Braunen aus und ritt nach Hause. Vermutlich war es Pech in Kombination mit meinem Fahrstil. Im darauffolgenden Winter demolierten wir bei zu geringer Schneelage den eleganten Schlitten meines Großvaters. Na ja, das Holz war schon ein wenig morsch.

Als Arbeits- und Kutschpferd ist der Noriker unerreicht, als Reitpferd ist er nicht gerade das, wovon man träumt. Der Braune wurde im Herbst 1988 verkauft, mit ihm verließ der letzte Noriker den Hof. Links vom Stalleingang hängen noch die Geschirre und Großvaters Kutsche bräuchte lediglich neue Reifen.......

Fortsetzung folgt.

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