Mallestiger Mittagskogel ***** (1816 m)

Er sieht nicht so spektakulär und attraktiv aus wie sein großer Verwandter weiter östlich. Dafür ist er 300 Meter niedriger und wer ihn besteigt, wird begeistert sein. Denn die Tour zum Mallestiger Mittagskogel bietet auf 900 Höhenmetern steile, abenteuerliche Hohlwege, rauschende Wasserfälle, gewaltige Schutthalden, fotogene Lärchenwälder, unterwegs frisches Quellwasser und ein malerisches Gipfelgratlabyrinth als Höhepunkt. Endstation ist der etwas niedrigere Nordgipfel (1801m) mit einem grandiosen Rundblick in alle Himmelsrichtungen.

Kleiner Mittagskogel *** (1815 m)

Das kleine Dreieck neben der großen Pyramide wird von 99% der Wanderer einfach übersehen und nicht übergangen. Bei unseren Mittagskogeltouren wird er jedoch ziemlich regelmäßig als windiger, ausgesetzter Frühstücksplatz eingebaut. Wilde Sicht in die Wände des Mittagskogels, interessanter Blick über den Türkenkopf hinweg ins Rosental.

Mittagskogel ***** (2143 m)

Als Frau wäre diese wohlgeformte Kalksteinpyramide zweifellos ein Topmodel, die höchste Erhebung der westlichen Karawanken zieht Bergwanderer zu allen Jahreszeiten magisch an. Neben dem Großglockner ist der Mittagskogel der wohl meistfotografierte und leider auch meistbegangene Berg des Landes.

Dem Interessierten bieten sich gleich drei Aufstiegsvarianten, von denen wir die Tour über die Südseite (pralle Sonne und hoffnungslos überlaufen) und die Möglichkeit über die Ostflanke selten bis nie anbieten, denn der Westgrat ist landschaftlich am reizvollsten, angenehm schattenspendend und ohne großen Aufwand kann dabei auch der Kleine Mittagskogel mitgenommen werden. Außerdem sind auf dieser Strecke relativ wenige Leute unterwegs. Der Aufstieg erfordert zwar Kondition, ist aber keineswegs gefährlich. Wer den höchsten Punkt erreicht hat, sollte über viel Zeit verfügen und eine gute Kamera besitzen, denn die Aussicht ist prächtig.

Türkenkopf/Ferlacher Spitze ** (1739 m)

Eine leichterreichbare Alternative für Langschläfer. Kurzer, aber anstrengender, weil sehr steiler, aber immerhin schattiger, weil bewaldeter Aufstieg von der Bertahütte aus. Als Belohnung wartet eine spezielle Perspektive des Mittagskogels, dafür verstellt der Hühnerkogel die Sicht nach Süden.

Fünf-Gipfel-Tour, 30./31. Mai 2003

von Hans Mikl

DER WEG IST DAS ZIEL, ABER ….??!!?

DIE IDEE. Eine Tour mit fünf Gipfeln (Mallestiger Mittagskogel (1801m), Schwarzkogel (1836m), Kleiner Mittagskogel (1815m), Mittagskogel (2143m) und Ferlacher Spitze/Türkenkopf (1739m), mittendrin eine Übernachtung im Mumienschlafsack auf 1600 Meter, unterm Strich 24 Stunden in einer alpinen Wunderwelt. Klingt, so finde ich gar nicht schlecht. Aber manchmal ist die Theorie schöner als die Praxis. Oder umgekehrt. Beurteilen lässt sich die Idee dieser Tour jedoch erst, nachdem man sie praktisch getestet hat.

DER TEST. 30.Mai 2003, ein hochsommerlicher Freitag. Es ist schwül und heiß, die Gewittergefahr sollte aber noch gering bleiben. Ich habe die dringendsten Arbeiten noch schnell über die Bühne gebracht und packe konzentriert meinen Rucksack. 1 kompliziertes Handy, 1 schockresistenter Walkman, 2 ausgewählte CDs, 1 Kamera, 1 Rolle Multivitamintabletten, 300 Gramm Schokolade (ganze Mandeln!), 4 Landjäger, 1 kleines Weissbrot, 1 Dose Zuckermais, 1 ErsatzT-Shirt, 1 Sweatshirt, 1 leichte Jacke, 2 1,5Liter Pet-Flaschen, 1 Kienspan, 1 Packung Streichhölzer, Metallwerkzeug fürs Feuerholz, 1 Überlebensmesser, 4 kleine Teelichter, 1 blauer Mumienschlafsack. Ich habe lange über mein Gepäck nachgedacht, denn es wird mir einerseits das Leben erleichtern, wenn ich hungrig, durstig oder müde bin, andererseits wird es mich auf jedem Höhenmeter gnadenlos quälen. Die nächsten Stunden werden auch für mich eine neue Erfahrung sein. Immerhin werde ich von zwei weiteren Versuchskaninchen begleitet. Thorsten Bruns kommt aus Hamburg, aber er ist trotz seiner blonden Haare eher ein italienischer Norddeutscher. Temperamentvoll, optimistisch, immer gut gelaunt. Ich kenne ihn schon einige Zeit und schätze seine Qualitäten als Entertainer. Seine Sprüche werden unsere Muskulatur bestimmt auflockern. Norbert Wix urlaubt zum ersten Mal bei uns, ihn kann ich deshalb noch nicht näher beschreiben. Auf alle Fälle besitzt er ebenfalls Humor, sonst würde er nicht mit im Auto sitzen und in den nächsten 24 Stunden werden wir uns garantiert kennenlernen. Kurz nach 16 Uhr starten wir, Ines pilotiert uns bis zur Baumgartnerhöhe auf knapp 900 Höhenmeter. Wir schultern unser Gepäck (wie gut, dass ich auf eine dritte Petflasche verzichtet habe..), schon der erste Anstieg ist eine steile Gerade. Spätestens auf den engen Serpentinen weiter oben im Wald ist das Anfangslächeln aus den Gesichtern meiner Begleiter verschwunden. Unverändert steil geht es parallel zum Rotschitzabach bergauf, erst oben bei den Wasserfällen legen wir eine erste Pause ein. Jetzt liegen wir gut in der Zeit, die milde Abendsonne trocknet den ersten Schweiß und ich erspare Ihnen und mir an dieser Stelle Thorstens Kommentar dazu. Die folgenden Passagen absolvieren wir in gedämpftem Tempo, bei der Panierquelle sind wir schon auf gut 1400 Meter. Hier befindet sich die letzte „Tankstelle” und wir befüllen unsere leerer gewordenen Wasserflaschen. Jetzt müssen drei Liter Flüssigkeit für die kommenden Strapazen reichen. Die verbleibenden 200 Höhenmeter bis zur Mitzl-Moitzl-Hütte sind nicht mehr so anspruchsvoll, es geht mit unterschenkelschonender Steigung durch freundliche, helle Lärchenwälder und es bleibt genügend Luft für heitere Gespräche. Nach zweistündigem Marsch sind wir an der Hütte angelangt, im Westen stehen bedrohlich dunkle Gewitterwolken und der Himmel im Norden macht mich ebenfalls nachdenklich. Über eine massive Holzleiter erreichen wir einen halboffenen Raum direkt unter dem Dach. Die „Honeymoonsuite” der Hütte, hier packen wir nach kurzer Inspektion aus und bereiten unsere Schlafsäcke für die bevorstehende Nacht vor. Thorstens Meinung zur Wellnessmatratze (stabiler Holzfußboden) werde ich in diesem Bericht ebenfalls nicht veröffentlichen. Mein Werkzeug habe ich sinnlos mitgeschleppt, vor der Hütte lagert ausreichend Feuerholz. Meine Vitamintablette werfe ich frustriert in die falsche Flasche, es folgt eine Kettenreaktion aus Brause, Kohlensäure und großem Gelächter. Dafür sind die Gewittertürme im Westen stehengeblieben und wir entscheiden uns für den Sonnenuntergang auf dem Mallestiger Mittagskogel. Durch einen dekorativen Einschnitt sind wir bald im Grenzbereich und klettern abwechselnd slowenisch-österreichisch bis zum Gipfelkreuz (1801). Dort empfängt uns wieder der stürmische Südwind, der sofort für Gänsehaut sorgt, uns aber dafür das Gewitter vom Leib hält. Das Abendlicht taucht die Berge in verschiedenste Blautöne, tief unter uns glänzt bleiern der Faaker See und rechts färben die letzten Sonnenstrahlen den Mittagskogel dezent rosa. Lange können wir nicht bleiben, ich verzichte verärgert auf die Akkustikversion von „Wanted dead or alive”, weil über der Villacher Alpe Blitze zucken und der Donner schon bedrohlich nahe klingt. Aus der Dämmerung das Geschrei eines Rehbocks, wir sind nicht unglücklich nach schnellem Abstieg wieder an der Hütte angelangt zu sein. Mit vereinten Kräften (der Südwind…) entfachen wir ein kleines Lagerfeuer und genießen zwischen einzelnen Böen die aufsteigende Wärme. Der Mann von der Küste zweckentfremdet seinen Schlafsack zu einem grünen Umhang, Norbert trägt die Witterung wie ein Westfale. Wird der Wind zu erfrischend, wechseln wir kurz in unsere Suite, zwei Teelichter erleuchten sanft den Raum. Wir essen, wir trinken, wir reden, wir lachen. Überall blitzt und donnert es, aber wir bleiben trocken. In der Nacht gestaltet sich der Blick ins Land atemberaubend – überall Lichter, tausende Lichter tief unter uns im Tal. Jetzt macht sich mein Walkman bezahlt. Es gibt im Leben unvergleichliche Augenblicke, Momente, die so zeitlos und intensiv sind, dass es nicht möglich ist, die passenden Worte zu finden. Leider findet man sich kurz darauf auf einem beinharten Holzfußboden wieder und der soeben erlebte Zauber weicht einem realen Schmerzempfinden im Rücken. Thorsten schimpft lachend vor sich hin, Norbert zieht den Reissverschluß zu, dreht sich kurz und schläft hörbar und sofort ein. Ich suche lange und ehrlich nach einer geeigneten Schlafposition. Draußen peitscht der Wind gnadenlos die Baumkronen, er rüttelt am Hüttendach, manchmal gleitet er über die Holzstiege in den Raum und zwängt sich kühl wie eine frischgeduschte Frau in meinen Schlafsack. Meine nächste Erinnerung ist ein ernstgemeinter Weckversuch von Thorsten. Ein Blick auf die Uhr im Halbschlaf. 5:30:41. Schließlich stehen wir um 6:30 auf. Der Morgentau glänzt in der morgendlichen Kühle und meine Gänsehaut weicht erst nach einiger Zeit. Der Hamburger hingegen klettert theatralisch Rückenschmerzen vortäuschend, aber fast unbekleidet aus seinem Notbett, auch Norberts Fassungslosigkeit ist tiefempfunden. Karges Frühstück in der wärmenden Morgensonne, nach einer Stunde brechen wir auf. Bald sind wir wieder im Grenzbereich, biegen links ab und kämpfen uns über anstrengende Almböden den Schwarzkogel hinauf. Unter uns sehen wir ein letztes Mal unsere Hütte, im Süden begleiten uns die fotogenen Gipfel der Julischen Alpen. Bei 1836 Metern geht es nicht mehr höher, wir stehen beim Gipfelkreuz des Schwarzkogel und dezimieren unsere Wasservorräte. Der zweite Gipfel der Tour ist erreicht, doch ab sofort bewegen wir uns in unbekannten Gegenden. Auch ich war noch nie zwischen Schwarzkogel und Jepcasattel unterwegs und bin ziemlich neugierig. Der wildromantische Weg schlängelt sich wie eine felsige Achterbahn über die Grate. Permanent kurze An-und- Abstiege, die Vegetation abwechslungsreich. Es geht durch Latschenflächen, dann wird es in lichten Hochwäldern schattiger. Wir klettern über kleine, namenlose Gipfel, deren Namenlosigkeit sich aber schnell ändern kann. Thorstens bange Frage (….waaaas……..und daaa sollen wir hoch ?”) vor einem schwindelerregenden Dreieck hat verbale Folgen für das Dreieck. Wir nennen es „Brunsbüttel”, der dritte Gipfelsieg. Als nächstes Highlight erscheint bald ein stark verwitterter, sehr attraktiver Felsen, der förmlich beklettert werden muß. Wir pausieren und fotografieren…und klettern. Das felsige Naturdenkmal trägt die Nummer 26 – eingraviert an der Nordseite- , wir taufen es spontan „Stronzos Zahn”. Bis zu einem tiefen Einschnitt träumen wir uns durch ein alpines Märchenland. Unvorbereitet beginnt wieder der Ernst des Lebens. Norbert erzählt von einer Tour im Grand Canyon, Thorsten klagt über erste Blasen an den Füßen und wir müssen einen langweiligen, endlosen, steilen Hang hinauf. Dieses Stück quält unsere Muskulatur derart, wir landen auf einer kleinen Wiese am höchsten Punkt des Monsters und lassen uns synchron ins Gras sinken. Nachträglich erhält der Alptraum einen Namen . …”Wattndatta”. Unsere Wasserflaschen werden leichter und leichter. Immerhin sind wir bald darauf am Jepcasattel, dort treffen wir erstmals wieder auf Menschen und ich weiß, was uns erwartet. Wir sind jetzt auf dem Weg zum Mittagskogel, Thorsten schüttelt ununterbrochen den Kopf. Nebenbei nehmen wir den Gipfel des Kleinen Mittagskogels mit (1815), die Julischen Alpen sind zur Gänze in dichten Wolken verschwunden und es gibt bald keine Himmelsrichtung mehr, die erfreulich aussieht. In der Westseite des Mittagskogels fallen mir unzählige Leute und Anekdoten ein, die mich regelmäßig auf diesem Stück begleiten. Norbert bleibt stets im Rahmen, aber Thorstens Mimik ist ein offenes Buch. Ich könnte einige Stellen zitieren, aber ich werde es nicht tun. Exakt zur Mittagszeit erreichen wir den höchsten Punkt unserer Tour und campieren kurz beim Gipfelkreuz des Mittagskogels (2143). Dort verschwinden unsere letzten Vorräte und ich hoffe auf eventuelle Glückshormone der Schokolade für den langen Abstieg. 1400 trockene Höhenmeter bis Kopein hinunter. Die Wetterlage und Thorstens Blasen haben den Türkenkopf kurzfristig aus dem Programm genommen, wir arbeiten uns konzentriert die Touristenstrecke hinunter und halten nur für Erinnerungsfotos in Schneefeldern. Als wir an der Bertahütte ankommen, fallen erste Tropfen . Wir gönnen uns nur eine kurze Pause an der überfüllten Hütte und entschließen uns (Norbert: „Sekt oder Selters”) zum Weitermarsch ins Tal. Diese Strecke wird von Jahr zu Jahr trostloser, weil breite, unsensibel angelegte Forststraßen die früher so ursprünglichen Wälder zerschneiden. Mehrmals erkenne ich die Landschaften nicht mehr, obwohl ich hier im vergangenen Sommer noch unterwegs war. So endet diese Reise ein wenig sentimental und nachdenklich in der Erkenntnis, dass es selten positive Veränderungen gibt. Nach 23 Stunden saßen wir wieder bei Ines im Auto, die Lüftung auf höchster Stufe. Eine Stunde und eine Dusche später stand ich mit Heugabel und Rechen wieder auf einer Wiese im Alltag und ich werde Ihnen auf keinen Fall verraten, was ich dachte.

NACHSATZ. Meine Uhr (ich trug sie um den Hals) überlebte die tropischen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit unter meinem T-Shirt nicht. Die Socken aller Teilnehmer landeten ohne Umwege direkt in der Mülltonne.

Meine erste “große” Bergtour

von Thorsten Bruhns

Das Kraxeln liegt mir nun mal im Blut.

Schon vor meiner Geburt zogen mich die Berge gerade zu magisch an und vielleicht ist genau das der Grund warum ich letztendlich das Licht der Welt in der Norddeutschen Tiefebene erblicken durfte.

Und wenn es eine Region gibt die für ihre alpinen Herausforderungen bekannt ist, dann ist es ja diese.

Dieser Schicksalsschlag gab mir aber auch die Möglichkeit 35 Jahre Bewegungsenergie anzustauen, die ich, wie sich später zeigen sollte, dringend benötigte und auch restlos verbrauchte.
Eigentlich begann alles am 24.05.03 um ca.21.00 als wir in Hamburg unser Auto bestiegen um es gute 12 Stunden und 1127,3 Km später mit erreichen des ersten Basislagers, nennen wir es einfach ” Mikl Hof “, wieder zu verlassen.

Ach ja, für die Statistik, die ersten 600 Hm hätten wir damit schon geschafft, wenn auch nicht durch eigene Kraft.

Der Empfang durch die hier einheimische Bevölkerung, nennen wir sie einfach mal Familie Mikl, war freundlich, herzlich, ja ich möchte schon fast von einem vertrauten Umgang

miteinander sprechen (was bestimmt nicht nur daran liegt, dass dies mein dritter Urlaub hier ist).

Die nun folgenden 5 Tage nutzten wir um uns an das hier herrschende Klima zu gewöhnen, die Ausrüstung zu vervollständigen ( Schlafsack & Schuhe vom Hofer ) und diese ausgiebig auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.

Die Überprüfung erfolgte in Form einer Begehung der Tscheppaschlucht, der “Route” Badestrand / Basislager (2x) und einer Übernachtung auf dem Balkon unseres Basislagers. Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch erwähnen, daß man von hier eine wirklich schöne Aussicht auf die Karawanken und damit auch auf unsere Tour hat.

30.05.03 um 16.30 Ortszeit Der Berg ruft ! !

Wir, das sind Norbert aus Unna, unser einheimischer Bergführer, nennen wir in einfach mal Hansi und ich, haben uns am Fuße des Mallestiger Mittagskogel an der Baumgartner Höhe (900 Hm) absetzen lassen. Nur für die Statistik, wieder 300 Hm ohne die eigenen Füße zu bemühen, so könnte es weiter gehen, tat es aber nicht.

Diese Erkenntnis setzte schlagartig ein als ich den nun vor uns liegenden Weg erblickte und zum ersten mal dachte ich: Flach sieht aber anders aus .

Nun ging es erst einmal ein Stückchen bergauf, bis zu unser ersten Rast an den Wasserfällen. Nur für die Statistik, die ersten 350 echten Hm.

Die Rast kammt gerade passend, ein Schritt weiter und ich hätte heraus gefunden ob nun die rechte oder linke Wade zuerst platzt. Als Belohnung hat man von diesem Platz aus einen tollen Blick auf einen Wasserfall mit Stufen, außerdem gibt es eine Bank + Tisch, die sich in eine Pause hervorragend einbeziehen lassen.

Das letzte Stück bis zum Basislager II ” Mitzel-Moitzel-Hütte” ließ mich meinen ersten Gedanken wieder aufgreifen. Auf ca. 1400 Meter Höhe gibt’s eine Quelle, die von uns zum auffüllen der Trinkwasserreserven genutzt wurde. Schließlich hatten wir noch eine Nacht im Basislager II und den größten Teil der Strecke vor uns.

Rund zwei Stunden nach dem Start standen wir nun in 1639 Metern Höhe in der Hütte. Schnell ist das Nachtlager hergerichtet und Kleinigkeit vom Proviant verzehrt, schließlich wollten wir heute noch auf unseren ersten Gipfel, den Mallestiger Mittagskogel .

20.00. Dieser Tag wird Geschichte schreiben und wenn ich selber dafür sorgen muß: Griaß di Mallestiger Mittagskogel, unglaubliche 1801 Meter. 900 Hm in geschätzten 3 Stunden (hatte keine Uhr dabei und selbst wenn, das ablesen wäre sicherlich nicht möglich gewesen, da mein Kopf genug mit dem Koordinieren der lebenserhaltenden Maßnamen zu tun hatte.

Zurück an der Hütte.

1639 Meter, unter dir die beleuchtete Stadt + Umland, ein Bild, das ich ganz ehrlich nie vergessen werde.

Den Tag haben wir mit einem Lagerfeuer und so manchem Lacher ausklingen lassen. Es war halt nicht nur anstrengend, Zeit und Luft für den einen oder anderen Spruch / Bemerkung war immer übrig.

Auch die Nacht wird mir in guter Erinnerung bleiben, als ob der im wahrsten Sinne des Wortes brettharte Fußboden nicht genug wäre, schlief Norbert in Rekord verdächtiger Zeit ein und begann sofort zu schnarchen, als ob er uns die Hütte unter dem Hintern weg sägen wollte.

Am 31.05 sind wir um 7.45 in Richtung Mittagskogel aufgebrochen, man wandert förmlich über den Schwarzkogel zum Kleinen Mittagskogel, eine Strecke die landschaftlich wunderschön ist und bis auf eine, ich schreib mal einfach “nette” Steigung (ca.200 Hm, die mir mal wieder gezeigt haben, wie angenehm flach doch Hamburg ist) wirklich gut zu gehen ist.

Es ist auch ein Abschnitt der in der Vorwärtsbewegung mehrere Dinge gleichzeitig zu läßt. Z. B. ruhig atmen, die einmalige Natur genießen, evtl. einen kleinen Snack / Schluck zu sich nehmen und wenn’s sein muß könnte man hier Boden / Zeit gut machen (aber nur wenn man wirklich muß). Ich würde auf die Natur gerne näher eingehen, aber es ist schwer Wörter zu finden, um z B. einzelne Felsen, Bäume oder Wegabschnitte, die an Märchen erinnern zu beschreiben. Es gibt Passagen mit Wald, mit Wiesen und auch schon kleineren Klettereinlagen. Hier zählt wirklich nur der Olympische Gedanke : Muß man mal gemacht haben ! !

Kommen wir nun zu dem für mich wohl unangenehmsten Teil unseren “Reise”.

Zu dem Unangenehmen muß ich fairer Weise vorausschicken, daß ich mich als ungeübter Großstädter zu diesem Zeitpunkt bereits stolzer Besitzer dreier Blasen nennen durfte, aber trotzdem halte ich es für überflüssig näher darauf einzugehen, wie sehr diese kleinen aber doch lästigen Dinger den Tragekomfort von Schuhen verändern.

Also, es ging den Kleinen Mittagskogel hoch und so langsam keimte in mir der Verdacht, daß es mal wieder bergauf geht, naja was soll’s, wahrscheinlich geht es einfach nicht anders, wenn man zum Gipfel will.

Allerdings kann ich über diesen Teil nicht wirklich detailliert berichten, den der Anstieg hatte es in sich und zeigte mir, Dank der Kombination aus Steigung, teilweise losem Untergrund, Blasen, schwindender Kondition und den zusätzlichen erhöhten Bedarf an Konzentration, daß es für mich langsam an meine Grenze ging. (Wäre mir am Strand / Balkon wohl nicht passiert).

Trotzdem kann ich hier mit guten Gewissen schreiben, daß niemals ein Gefühl von Unsicherheit oder sogar Angst aufgekommen ist.

Ca. 200 Meter unter dem Gipfel, wurde ich durch die Begegnung und das aufmunternde Wort “brotsche” oder so ähnlich, einer slowenischen Wanderin förmlich gezwungen, die letzten Reserven nicht nur zu mobilisieren, sondern sie auch auf den Berg loszulassen. Ich bedankte mich für dieses “Anschieben” mit den Worten ” nö aus Hamburg”. Wie ich mit erreichen des Gipfels von Hansi erfuhr, bedeutete “brotsche” soviel wie heiß und war als Frage gedacht.

12.00 und 2.145 Hm, Ende der Fahnenstange. Das ist also der Mittagskogel.

Wie soll man das beschreiben, ich meine wenn du es dann wirklich geschafft hast. Du stehst oben drauf, kannst um jede Ecke gucken die du findest, aber es geht tatsächlich nicht mehr weiter und du kannst auf einen großen Teil der Route zurückschauen.

Genieße du hast es dir verdient.

Zum Abstieg kann man nur so viel schreiben, es ist erstaunlich, wie lange man bergab gehen kann ohne das man unten ankommt!

Abschließend möchte ich mich bei meinen Weggefährten Hansi und Norbert für dieses einmalige Erlebnis bedanken. Die Blasen und der Muskelkater werden irgendwann hoffentlich wieder vergehen. Die Fotos(warum habe ich eigentlich die Kamera mitgenommen, wenn die Reservefilme bereits voll waren?!?!) und die Erinnerung aber nie.

1600 Meter zur Injektionsnadel

von Hansi Mikl

Tour durch die Südwand des Dobratsch

Die Zeit der T-Shirts ist endgültig vorbei, Südkärnten hüllt sich ein letztes Mal in den strahlenden Sonnenmantel der scheidenden Herbstkollektion. Man spürt den kühlen Hauch des nahenden Winters, die Berge hat der Frost bereits erobert, – 10 Grad auf 2000 Meter versprechen die Meteorologen.
Der Herbst war ziemlich anstrengend. Vielleicht bin ich zu ausgebrannt, zu wenig bissig, möglicherweise eine Spur zu gut situiert und wahrscheinlich zu abgeklärt, um mir zusätzlich die Mühe zu machen, für ein paar anstrengende Stunden aus meinen dichten Lebensentwürfen, Zielsetzungen und Arbeitsprogrammen auszubrechen. Man wird älter und wenn ich jetzt nicht höllisch aufpasse, lande ich irgendwann, irgendwie, irgendwo im bürgerlichen Establishment eines Lebens mit Terminkalender.

Nicht, dass meine Spontanität mit mir gealtert wäre – aber was ist aus den geplanten nichtkommerziellen Bergtouren der vergangenen Wochen geworden ? Nichts. Denn sie fanden nicht statt. Schlechtwetter, verletzungsbedingte Absagen, Zeitmangel.

Spät im November ist es fast zu spät geworden. Samstagabend, 5vor12 sozusagen, ruft Günter Decleva an. Eine Tour auf den Dobratsch, aber nicht komfortabel im Auto über die Alpenstraße bis auf 1700 Meter und bequem die restlichen 400 Höhenmeter bis zum Gipfel. Nein. Von der Schütt aus selektive, schweißtreibende 1600 Höhenmeter direkt durch die Südwand.

Sonntag, 20. November. Humane Startzeit. Gegen 10:30 klettern wir bei der Südrast aus dem Zubringer-PKW von Günters Frau. Durch einen Insider-Ausgang verlassen wir das Areal des Rastplatzes und den Lärm der Autobahn und verschwinden unbemerkt im eigentümlichen Reiz der Schütt. Eine Landschaft, die sich kaum in einigen wenigen Sätzen beschreiben lässt. Eine Landschaft, die in dieser Form am 25. Januar des Jahres 1348 entstand. Während eines heftigen Erdbebens zerbarst die Südwand des Dobratsch mit einem gewaltigen Bergsturz. Die zeitgenössischen kirchlichen Quellen übertrieben aus „versicherungstechnischen” Gründen und noch lange hielten sich in den Geschichtsbüchern die sagenhaften Übertreibungen von 17 Dörfern, 3 Schlössern und 9 Kirchen unter den Trümmern des Berges. Die moderne Wissenschaft hat die Mythen längst widerlegt, denn tatsächlich ging der Bergsturz in unbewohntem Gebiet nieder und schuf so die Schütt mit ihrem Steinernen Meer. Die Schütt stellt mit 24 km² das größte Bergsturzgebiet der Ostalpen dar, in diesem besonderen Naturpark landschaftlicher Schönheit und ästhetischer Vielfalt (bereits 1942 unter Naturschutz gestellt) finden sich fast 700 Gefäßpflanzen, über 900 Schmetterlings- und 58 Vogelarten, nebenbei fast mediterrane Bewohner wie Skorpione, Smaragdeidechsen oder Sandvipern. Spektakulär wirken die oft bizarren, riesigen, teilweise bewachsenen Felsblöcke in den kargen Wäldern. Details bekomme ich nur am Rande mit, denn Günter schlägt ein im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubendes Tempo an. Kleine Männerseilschaften sind erfahrungsgemäß eine heikle Angelegenheit, denn oft gehen Reisegeschwindigkeit und Zielvorgaben in völlig auseinandergesetzte Richtungen und was auf der beruflichen Schiene sicher rollt, kann privat in steilem Gelände böse entgleisen, weil sich persönliche Eitelkeiten gekränkt fühlen und es schwer ist, über den eigenen Schatten zu springen. Wir werden sehen, diese Wand könnte einige verborgene Eigenschaften zu Tage fördern. Leicht illegal überqueren wir die Gail über eine Eisenbahnbrücke, benützen kurz den Karnischen Radwanderweg und gewinnen schließlich auf einem steinigen Güterweg rasch an Höhe. Nach einigen Serpentinen wechseln wir über einen schmalen Steig in die totale Unberührtheit eines zauberhaften Buchenwaldes. Das Gelände wird zusehends steiler und unsere Lungenkapazität reagiert auf das anspruchsvolle Terrain. Die wilde Unwegsamkeit empfindet man jedoch keineswegs als unangenehm, denn die Vegetation entschädigt auf Schritt und Tritt für den strapaziösen Aufstieg. Fast andächtig genießt man die Stille eines kathedralenartigen Föhrenhochwalds, der wohl noch nie eine Motorsäge zu Gesicht bekommen hat. Auf steilen Geröllhalden kämpfen knorrige Hopfenbuchen gegen die Kräfte der Erosion, Krüppelkiefern klammern sich verzweifelt an die brüchigen Felswände und wir gönnen uns beim erstbesten lohnenden Aussichtspunkt eine kurze Pause. Die anfänglichen Fleecejacken sind längst wieder im Rucksack verschwunden, die Kombination aus Wolkenlosigkeit und beinahe völliger Windstille erlaubt ein langärmliges T-Shirt. Kräutertee mit Kräuterlikör in einem ausgewogenen Mischungsverhältnis, unter uns das untere Gailtal.

Die Dobratsch-Südwand überrascht auf dem weiteren Weg nach oben mit malerischen Schluchten, Säulen und Türmen, vergessenen kleinen Märchenwäldern in vom Tal aus praktisch unsichtbaren Geländenischen, und trotz des prächtigen Wetters mit wohltuend wenig Publikum. Zweimal werden wir von spärlich bekleideten Ausdauersportlern fast mühelos überholt. Zugegeben- es verursacht einen kurzen Schmerz, aber in meinem Alter erholt sich die „persönliche männliche Eitelkeit” erstaunlich schnell von solchen Tiefschlägen. Wir marschieren rechts an den Bösen Gräben vorbei, darüber baut sich die letzte hohe Felswand auf und dahinter thront etwas unwirklich der futuristisch anmutende Sendeturm des österreichischen Rundfunks. Die 165 Meter hohe Injektionsnadel ist längst zum markanten Wahrzeichen des Berges geworden und ermöglicht eine Identifizierung aus allen Himmelsrichtungen und Blickwinkeln. Der kuriose Anblick begleitet uns bis zur Abbruchkante. Von dort aus sind es nur mehr vielleicht 150 Höhenmeter bis zum Gipfelbereich und die harmlose Steigung wirkt sich belebend auf unsere Konversation aus.

Gipfel von Bergen machen mich neuerdings nachdenklich und diese tiefe Nachdenklichkeit empfinde ich fast als Luxus. Man wird eben älter. Für die große Euphorie bleibt wenig Platz. Dabei hat der Gipfel des Dobratsch einiges zu bieten. Schon allein architektonisch, denn neben dem bereits angesprochenen Sendemast sorgen zwei alte Kirchen für einen kärntentypischen Kontrast zum rotweißlackierten Symbol des Fortschritts. Auf 2166 Metern stehen eine deutsche und etwas westlich davon eine slowenische Kirche in ausgesetzter Selbstverständlichkeit direkt an der Abbruchkante. Dazwischen das Ludwig-Walter-Haus und wahllos verteilt sonderbare meteorologische Messinstrumente. Mehr muss man über Kärnten nicht wissen, es finden sich das Land und sein Lebensgefühl vereint in baulichen Metaphern auf dem Gipfel des Dobratsch.

Und wie immer ist es die grandiose Landschaft, die tröstet. Ringsum hat sich ein gewaltiges Heer an Bergen versammelt. Im Süden die Karawanken mit ihrem pyramidenförmigen Anführer, dem Mittagskogel. In der Fortsetzung davon die Karnischen Alpen. Zentral dahinter die schroffen Gipfel der Julischen Alpen mit dem fotogenen Mangart. Im Norden ganze Hundertschaften der Hohen Tauern und Nockberge. Unten im Osten die Seen und Flüsse. Unter dem Schatten des Nordhangs liegt Bad Bleiberg in scheinbarer Dämmerung. Auf dem Dreiländereck schießen die Schneekanonen erste weiße Streifen in die herbstlichen Farben.

Es herrscht völlige Windstille, wir lehnen lange in Gesprächen an der Kirchenwand, genießen das Panorama, dezimieren den Proviant und planen grundsätzlich lose zukünftige Touren. Bald wird es Zeit zum Aufbruch, wir sind mit Ines und Mariano am Parkplatz an der Rosstratte verabredet, die späte Novembersonne ist schon tief im Westen und der Winter steht vor der Tür.

Mein Grossvater und der Rombon

von Hansi Mikl

Der Rombon. Veliki vrh (großer Gipfel) nennen ihn die Einheimischen. Ich habe oft an ihn gedacht. Ich habe sogar von ihm geträumt und mich gefragt, wie er wohl sein würde. Was ich denken, sehen, fühlen würde, wenn ich ihn kennenlerne. Es war höchste Zeit.
Der Rombon ist ein wildzerklüfteter, riesiger Karstbrocken im Nordosten Sloweniens. 2208 Meter hoch erhebt er sich respekteinflößend über den Dächern und dem Becken von Bovec. Eine gigantische Felsbastion mit Kratern, Dolinen, Höhlen, mystisch-mediterran anmutenden Buchenwäldern, bunten Almwiesen. Spuckewegbleibende Nordwände, die fast senkrecht in den Mozencagraben abstürzen. Berühmt für seine tiefen Höhlensysteme und Unterwelten. Berüchtigt als einer der Blutberge der Isonzo-Front im 1. Weltkrieg. Exakt dort kämpfte vor über 90 Jahren mein Großvater wohl weniger für Gott, Kaiser und Vaterland, Ruhm und Ehre, sondern in erster Linie um sein Überleben und um die Chance, zu seiner Familie zurückzukehren. Wäre er gefallen, säße ich jetzt nicht am Computer.

Die Vorbereitung auf diesen Berg ist das exakte Gegenteil von ideal. Heuarbeit und Migräneanfälle an den Vortagen und nach gerade 4 Stunden Schlaf beginnt der 5. Juli 2008 bereits um 3Uhr40. Um diese Uhrzeit hält man das Signal des Weckers für einen schlechten Scherz und führt sich bleiern die Zahl der Höhenmeter vor Augen, die zu absolvieren sind, wenn man nach kurzer Auseinandersetzung mit dem Sandmann und schneller Gewissenserforschung die warme Bettdecke zur Seite wirft: 3500. In Worten: Dreitausendfünfhundert. 1700 hinauf, 1800 hinunter.

Meine Begleiter sind nicht nur handverlesen, sondern sehr pünktlich. Udo Herzmanns Qualitäten kenne ich zur Genüge von exzessiven Eisesswettbewerben bzw. aus der Mangart-Südwand und mein Neffe Christian ist für mich wie ein ständiger Blick in den Spiegel.

Wir starten im Morgengrauen. Udo ist am Lenkrad und am Autoradio. Den Ö3-Mainstream erträgt er bis kurz vor Cave del Predil, dann erlöst uns eine Queen-CD von erlittenen akustischen Qualen. „Innuendo” wirkt etwas authentischer, wenn das Auto unter gähnenden Abgründen und morgengrauen Felswänden entlanggleitet. Kurz nach 5 wird an der Flitscher Klause eingeparkt. Die altösterreichische Festung steht an einem strategisch genialen Ort, denn die steil abfallenden Hänge des Rombon und der Krnica lassen gerade noch Platz für unseren Parkplatz, das Fort, die Straße und eine tiefe Schlucht, die schon seit Jahrtausenden unermüdlich vom Wasser der Koritnica bearbeitet wird.

Ein rustikal in den Fels gehauener Weg führt zur düsteren Einstimmung gleich durch einen feuchten Tunnel, gutgetarnt und fast unsichtbar zu einem weiteren Stolperstein potentieller Angreifer ausgebaut. Mit dem ersten Tageslicht geht es durch einen dschungelartigen Märchenwald über leichte Serpentinen hinauf zum Fort Hermann. Verschlechtbessernde Motorsägen haben die wild wuchernde Vegetation ziemlich unsensibel entfernt und der Ruine den Zauber einer vergessenen Inka-Festung genommen. Mit etwas Gänsehaut bewegen wir uns betont langsam durch das Gemäuer, an dem nach italienischen Granaten nun verbissen der Zahn der Zeit nagt. Von den Decken tropft das Wasser, aus den Fensteröffnungen wachsen kleine Eschenschösslinge, der alte Putz blättert traurig von den Wänden. Es ist wie in einer Gruft, faszinierend und beklemmend gleichzeitig und wenn ich daran denke, dass genau hier der lange Weg meines Großvaters durch seine persönliche Hölle begann, bekommt die Szenerie eine persönliche Note, die man nur schwer in Worte fassen kann.

Ein sonderbares Gefühl begleitet mich hinauf durch ausgedehnte Laubwälder. Der nächtliche Regen und die Sonneneinstrahlung sorgen für extreme Luftfeuchtigkeit und ein feuchtes T-Shirt. Udo nimmt diesen Umstand wohlwollend mit zufriedenem Grinsen zur Kenntnis. Der selektive Weg führt in endlosen Serpentinen bergauf und wirkt selten begangen, an manchen Stellen sind die alten Befestigungen aus Naturstein noch in erstaunlich gutem Zustand. Nur selten gestatten die Bäume einen Blick in die umliegende Bergwelt und wenn doch, lässt mich meine Orientierung sträflich im Stich. Auf Höhe von Kote 1313 erreichen wir einen zauberhaften Ort mit Filmkulissenpotenzial: Ein fast unwirklich anmutender Buchenwald, dessen Boden mit dekorativen Kalksteinen übersät ist. Das Spiel von Licht und Schatten sorgt für reizvolle Zusatzeffekte und der Abschied nach einer kurzen Rast fällt uns schwer.

Wenig später ist die Waldgrenze erreicht und wir müssen durch ausgedehnte Almwiesen, die bunt und üppig ständige Fotomotive liefern und die man bestimmt als alpine Kräutergärten bezeichnen könnte. Da und dort verliert sich der Weg fast im hohen Gras, welches den Nachtregen unaufhörlich an Jeans und Schuhen abstreift – bereits nach kurzer Zeit bin ich in mobilen Swimming-Pools, Größe 43 unterwegs. Mit Hilfe von noch intakten Trockenmauern werden Geländeübergänge bewältigt, allenthalben passiert man mit gebotener Vorsicht tiefe, mit Schnee gefüllte Schächte, aus denen der Rombon kalt durchatmet.

Weiter oben laufen wir unvermittelt in ein weitläufiges Labyrinth aus teils noch gut erhaltenen, buchstäblich in die Topographie geklebten österreichischen Stellungen. Aufgeschichtete Steinmauern, Stufen, Bunker, Höhlen, Zisternen und Kavernen soweit das Auge reicht. Willkommen auf Großvaters Schlachtfeld. Ein abstraktes Bühnenbild eines echten Dramas, welches beim genauen Hinsehen noch erschütternder wird. Die Steinbauten scheinen sich zwar mit der ursprünglichen Landschaft zusammengerauft zu haben und verschmelzen fast mit ihr, aber dazwischen findet sich das Grauen rostend in Form von Projektilen, Granatsplittern und anderen Metallteilen. Hier lagen sich tausende Österreicher und Italiener in den Jahren zwischen 1915 und 1918 gegenüber. Unzählige Male versuchten die Italiener, diesen Berg zu erobern. Es gelang ihnen nie und der Kampf erstarrte zum erbitterten Stellungskrieg.

Aus dem Tal ziehen langsam Nebelfetzen herauf und breiten sich wie dünne Leichentücher über die einstigen Todeszonen. Der Nebel nimmt nicht nur den Blick ins Tal, er raubt die restliche Orientierung und auf dem weiteren Weg nach oben bleibt der Gipfel des Rombon ein Unbekannter. Wie weit, wie hoch, wie steil ? Keine Ahnung.

Wir machen Rast im Trümmerfeld. Bei Almdudler, Haselnussschokolade, leichtem Gebäck und Landjägern wird unser schweres Gepäck leichter. Ablenkend kümmert man sich um Details, übt sich in heiteren Gesprächen und verfällt ein wenig in herbe Depressionen unwiederbringlicher Augenblicke. In den historischen Trockenmauern siedelt lebensbejahende, bunte Flora und spendet vor allem Udo, der begeistert fotografiert, ein wenig Trost.

Die Überreste des Krieges begleiten uns gnadenlos bis zum Kamm hinauf. Wenigstens gibt der Nebel zumindest den Blick nach Westen bzw. Nordwesten frei. Nichtsdestotrotz drückt die feuchte Novemberatmosphäre auf die Stimmung. Der Weg wird steiler und schmaler und unser Ziel bleibt ungewiss. Wie aus heiterem Himmel sind wir plötzlich, völlig unspektakulär und unvorbereitet auf dem Gipfel. Dort fehlen ein Gipfelkreuz und ein Aha-Erlebnis. Wenigstens räumt der Westwind die Aussicht ein wenig frei, aber so ein Gefühl wie Zufriedenheit will sich einfach nicht einstellen.

Christian und Udo haben es sich in einer windgeschützten Nische bequem gemacht, wühlen in den Rucksäcken, schießen Erinnerungsfotos und genießen die Aussicht, während ich aus Tradition einmal übers mit Felsbrocken und Stellungsresten übersäte Gipfelareal galoppieren will. Normalerweise funktioniert das ganz gut, diesmal endet der Versuch mit einem kapitalen Sturz. Im Flug kann ich mein Gesicht noch an einem scharfen Kalkstein vorbeimanövrieren, das linke Knie kracht aber frontal gegen einen weiteren Felsen. Im Hintergrund schimpft der entsetzte Udo, der Schmerz lässt kaum nach und zum allerersten Mal in meinem Leben frage ich mich: Wie komme ich jetzt ins Tal ?

Die Frage ist nicht ganz unberechtigt, denn bis Bovec sind es 1800 Höhemeter durch eine Karstlandschaft. Die Schwellung kommt sofort und macht ein Abwinkeln des Knies unmöglich. Die ersten Testmeter lassen mich eine böse Prellung und harte Konfrontationen mit dem steilen Gelände diagnostizieren. Doch nur in solchen Auseinandersetzungen formt sich so etwas wie Identität und Selbstbewusstsein. Dementsprechend beiße ich die Zähne zusammen und lasse bei Christian und Udo keine Zweifel aufkommen.

Der Abstieg wird zur strengen Übung, diverse Muskeln helfen beim Improvisieren, aber speziell die Passage hinunter zur Cukla wird mir wohl ewig als Gratwanderung in Erinnerung bleiben. Im wilden Geröllfeld dorthin findet Udo den zerfetzten Rest eines menschlichen Oberschenkelknochens.

Umherliegende Granatsplitter bereiten uns drastisch auf die Cukla vor. 1766 Meter hoch erhebt sie sich südwestlich des Rombon-Gipfels. Ein blutiger Schauplatz heftigster Auseinandersetzungen, der Weg führt uns mitten durch die alten Stellungen. Wir passieren schaurige Relikte inmitten einer kargen, wildromantischen Umgebung und nicht zuletzt durch den persönlichen Bezug zu diesem makabren Ort frage ich mich unweigerlich: Worum geht es denn im Leben ? Und wie kommt man mit dem Rest seines Lebens klar, wenn man diesen Wahnsinn hier überlebt hat ? Wie funktioniert das, Großvater ?

Vielleicht hat alles seine Zeit und seine Stunde. Geboren werden. Sterben. Dinge aufbauen, Dinge zerstören. Menschen kennenlernen, Menschen vergessen. Falsche Entscheidungen treffen, richtige Entscheidungen treffen. Verlieren. Gewinnen.

Es hätte eine schöne Bergtour werden können, wäre sie nicht so persönlich und in jeder Hinsicht schmerzhaft. Die Sinnfragen erübrigen sich besonders bergab, denn der Kopf beschäftigt sich mit dem Knie und der daraus resultierenden Frage: Wie weit noch bis Bovec ? Wohltuend ist die völlige Menschenleere, Flora und Fauna am Wegesrand sind gleichermaßen fremd und vertraut. Akustisches Highlight sind kleine, braungraue Grashüpfer, die sich mit dem Geräusch von untermotorigen Hubschraubern in der Julisonne ihre Flugbahnen und Landepunkte zwischen den Kräutern suchen.

Die vielversprechende Zukunft wird mit den größer werdenden Häusern von Bovec fast greifbar. Mit einigen abgelegenen alten Höfen erreichen wir erste Vorposten der Zivilisation. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, man erkennt es an fast archaisch anmutenden Details der Architektur und der Gerätschaften. Wiesen und Grundstücke sind mit Steinmauern eingezäunt.

Unmittelbar ober dem Ort werden eifrig Wochenendhäuser im Wald versteckt – untrügliches Zeichen für den Tourismus, der mit diversen exotischen Trendsportarten im bislang noch ruhigen Tal Einzug hält. Überall wird erneuert und renoviert, mit den Kompressoren lärmt die neue Zeit. Der Übergang von alpiner zu mediterraner Lebensweise, der schon unterwegs in der Tier- und Pflanzenwelt augenscheinlich war, setzt sich hier im Ortsbild fort.

Udo bestattet den Knochen des unbekannten Soldaten in der Tourismusinformation, in einer benachbarten Konditorei gönnen wir uns ein Eis. Tränen trocknen schnell, unsere T-Shirts auch, denn der Rest der Strecke ist (ich möchte das Wort ausdrücklich Udo Herzmann widmen)…hausfrauentauglich.

Wir verlassen Bovec schon bald und schlagen uns gefühlmäßig in etwa querfeldein. Erwähnenswert an dieser Stelle wäre das Panorama nach Nordosten – der Svinjak, ein sonderbar geformter Berg, scheint, umrahmt von blauem Himmel und weißen Wolken direkt aus einem Gemälde von Paul Gauguin gestohlen. Erwartungsgemäß schmieden Udo und Christian bereits Pläne zu seiner Ersteigung.

Aus dem gefühlsmäßigen Weg wird irgendwann ein markierter Weg, der uns schattig am Hang, fast parallel zur Koritnica, die man niemals sieht, aber ständig hört, zur Flitscher Klause zurück führt. Ein letzter steiler Anstieg, dann sind wir nach fast 12stündiger (Tor)Tour zurück am Auto. Auf der Heimfahrt halten wir noch kurz für einen letzten Blick zurück. Über uns der Rombon mit seinen Nordwänden und aus dem Autoradio dröhnt in klassischer Herzmann-Theatralik „We are the champions”.

Es gibt Tage, die man nicht vergessen wird. Dieser war ein solcher.

Mittagskogelübernachtung

von Klaus Müllner

Kurze Fassung:
Atemberaubend, bombastisch, cool, diabolisch, erotisch, fantastisch, gigantisch, heroisch, imposant, jung, kalt, lebenslustig, mikl, normal, optimal, perfekt, quo vadis, riesig, steil, total, unglaublich, vital, wild, xxxl, you too.

Lange Fassung:
Tiger schaffte es nicht bis zur A2. Kurz vor dem Autobahnkreuz Villach schlummerte er friedlich mit Bär im Arm ein. Die sensationelle Kulisse von Österreich, genauer gesagt, von Kärnten zog an uns vorbei. Die warme rotorange Beleuchtung aus Westen macht die Fahrt zu einem Hollywoodfilm der Extraklasse. Die Ausfahrten Klagenfurt, Graz und Sinablkirchen zeigten das kommende Ende der Reise an. Kurz vor dem Erreichen der Thermenlinie schnitt ein Skalpell die Umrisse des Schneeberges, dem ersten Berg der Alpen über 2000 m, in den Horizont. Die Heimat hatte uns wieder.

Tage später sah ich mir die Bilder MIKL 2007 an. Eigentlich waren es die Filme. Traktorfahrt, Fußball, Rusty. Erinnerungen erhellten sich. Es waren ganz spezielle Bilder. Von mehreren, unterschiedlichen und bunt zusammen gewürfelten Personen, Wanderern, Naturliebhabern und Leidensgenossen. Alle Fünf wollten eine Nacht auf dem Mittagskogel erleben. Nur im Schlafsack. Ein Abenteuer?

Ein Rückblick in das Jahr 2006. Nach einer Mittagskogelwanderung der klassischen Art im Konvoi mit mehreren Teilnehmern und Auf- und Abstieg an einem Tag, plauderten die erfolgreichen Erklimmer bei einen der vielen gemütlichen Grillabende bei Mikls mit Nürnberger Grillwürstel und Hirter Märzen über weitere Taten. Ein bisschen kuscheliger, ja intimer sollte es werden. Mit einer kleinen Mützung auf dem Berg…

Zurück ins aktuelle Jahr 2007.

Am Vorabend waren noch viele dabei. Männer und Frauen. Hoppla. Frauen und Männer. Wir gehen auf den Mittagskogel. Die Zahl der Teilnehmer schwankte zwischen drei und einer zweistelligen Zahl. Alle wollten dabei sein.

An dem Tag, an dem der Affe ins Wasser springen sollte und auch sprang, war die Gruppe auf fünf Männer geschmolzen. Nur Männer. Hansi, Christian, Andi, Harald und Klaus. Falsche Ausrüstung, Migräne, weibliche Indisposition, schlechte Schuhe, fehlender Rucksack, zu erwartende Kälte usw. ließen die visionären Strapazen für einige angekündigte Teilnehmer(innen) im imaginären Dunst entschwinden.

Die Anfahrt war bequem. Im luxuriösen MPV (er wird langsam vom geduldeten Chauffeur akzeptiert) fuhren wir wie Cobra Agenten beim Papstbesuch in die Berge. Der Schranken lässt die Limousine einparken. Die Rucksäcke werden verteilt und mit schnellen Schritten entschwinden Hansi und Christian am Horizont (hinter der nächsten Kurve des Güterweges). Kurvig, stetig und sachte schlängelt sich die Autobahn bergauf. Die warmen Strahlen der Nachmittagsonne beleuchten den ab und zu vorblitzenden Mittagskogel. Das Objekt der Begierde. Vier Stunden später wollen wir beim Gipfelkreuz den fulminanten Rundumblick genießen. Doch noch gilt es in der Falllinie entgegen der Schwerkraft zu bestehen. Der späte Nachmittag ist hilfreich die Transpiration in Grenzen zu halten. Lange, sehr lange ist der Weg hinauf bis zur Grenze. Meist schreiten wir dem kürzesten Weg des Wassers entgegen, dann kurz einer Isohypse entlang um anschließend gleich wieder senkrecht nach oben zu pfeilen. Der Weg zum kleinen Mittagskogel ist dagegen wie der Wandertag im Beatrixheim (für nicht Perchtoldsdorfer das Altersheim). Dort treffen wir Hansi und Christian staubtrocken wieder. Bei der Rast schweift der Blick ehrfurchtsvoll auf die Westwand mit der Frage: Wo geht Mann da hinauf? Eingeborene zeigen vage und undeutlich in ein Gewirr aus Steinen und Geröll: Dort!! Nach kurzer Pause und mit Energiezufuhr folgen sehr erlesene Passagen mit Tiefblicken in unterschiedliche Länder mit gleichen historischen Wurzeln. Ein Sattel mit Seilhilfe beendet den Weg, der so kurzweilig war und nicht so schnell enden sollte. Doch er endet hier abrupt. In Schlangenform oder in der Direktissima, fast immer das Gipfelkreuz vor Augen, geht man wie Hillary in den 50er Jahren in Richtung Gipfel. Oft sieht man blaue Kreise oder gelb-schwarze Quadrate, der Puls pendelt sich bei 180 ein. Ab und zu denkt man an seine Lieben zu Hause. Das Licht wird immer wärmer und die Schatten, wenn sie könnten, immer länger.

Kurz vor Ende der ZIB 1 erreiche ich dehydriert, durchgeschwitzt und hungrig das kleine Gipfelplateau. Die Sonne sagt uns soeben Gute Nacht und meldet sich für die nächsten acht Stunden ab. Hektische Telefonate folgen, ob ja auch sicher das angekündigte Feuerwerk steigen würde. Und wie es steigen wird. Am Berg wird es langsam dunkel. Pünktlich wie der Linienbus von Scheibs nach Ebergassing wird um 21:15 das Jahrhundertspektakel unter dem Gejaule der Alpinisten abgefackelt. Es waren schaurig-schöne, erfrischend-sentimentale, freudig-nachdenkliche und einfach unglaubliche Momente über 2000 m. Mit Taschenlampen oder auch ohne schlichen wir zu den vorbereiteten Schlafsäcken zurück. Kühle angenehme Feuchte schlug uns entgegen. Die Liegemulden entpuppten sich als wahre Kokons der Berge. Es wurde immer feuchter und kühler, aber die unendliche Decke des Sternenhimmels und der Milchstrasse deckte uns zu. Noch einmal schweifte der Blick über das Lichtermeer des Tales. Gute Nacht.

Als mir der Wecker um 05:30 den neuen Tag ankündigt glaube ich nicht geschlafen zu haben. Laute, oft unanständige Geräusche der Gipfelplateaubelegschaft, ließen die Nacht zu einem akustischen Ohrenschmaus mutieren. Doch jetzt hatte ich andere Probleme. Eigentlich keine Probleme. Die nächste Stunde ließ alles, was gestern war vergessen. Nur für diese Stunde hat es sich gelohnt. Alle Anstrengungen hätten noch größer sein können. Aber nicht viel größer. Langsam und doch rasend schnell wurde aus dem Silberstreif am Horizont ein helles gelbes, und dann vom hellen bis ins dunkle Blau hineinverlaufendes Band. Die Wolken steigerten es zu einer Gesamtkomposition. Schurli Danzer: „Los mi no amoi de Sun aufgehn sehn”. Viel zu schnell war dieser Augenzwinker vorbei.

Fast gleichzeitig und wortlos begannen die ausgefrorenen Körper alles wieder einzupacken. Jeder war mit sich beschäftigt. Auf ein geheimes und nicht sicht oder hörbares Zeichen von Hansi begann der Abstieg. Schritt für Schritt, nur schneller. Die Westseite des Mittagskogels liegt im Schatten, nur der Kleine Mittagskogel zeigt sich schon von seiner schönsten Seite.

Das Frühstück wird auf klassischen Heurigenbänkerln an der Grenze war fast skurril. Von hier aus ist der Abstieg nur halb so anstrengend wie der gestrige Aufstieg.

09:00 „Ihr seid schon wieder da ?”. Der Kaffee ist noch warm. Viel Milch und Zucker, wie immer. Die heile Welt hat uns wieder.